Neumarkt 2040 - Eine Vision

Wir haben es geschafft: Neumarkt ist Österreichs beste Gemeinde was Umweltschutz, Ressourcenschonung, Resillienz und Unabhängigkeit betrifft! Das heißt, unsere knapp 7.000 Einwohner könnten fast autark vom panischen globalen Ressourcenkampf befreit, ganz entspannt und glücklich leben. Börsencrash, Wetterextreme, Migration - alles kein Problem für Neumarkt am Wallersee! Wie kam es dazu?

 

Im Jahr 2019 gründeten private Bürger eine IG für alternative Energien. Einige clevere Leute hatten ausgerechnet, wenn man alle vorhandenen Süd-Dächer Neumarkts mit PV-Anlagen ausstatten würde, hätte sich diese Investition von rund 5 Mio. Euro in 10 Jahren amortisiert. Ab dem elften Jahr würde sie jährlich ein Zehntel der Investition Gewinn abwerfen.  Da keine Bank der Welt nachhaltig 10% Rendite verspricht, fand die IG schnell Investoren und die Dächer von Neumarkt produzierten bald jede Menge Strom und Geld für die Mitglieder.

 

Etwa zur gleichen Zeit wurde das räumliche Entwicklungskonzept neu erdacht. Wissend, dass  fruchtbarer Boden eine der kostbarsten Ressourcen unserer Erde sind, wollte Neumarkt neue Wege gehen. (1) Anlass war der Neubau eines Feuerwehrgebäudes in die grüne Wiese außerhalb des Ortszentrums. Geplant war ursprünglich ein eingeschoßiges Bauwerk, welches für gut 1.000 qm Nutzfläche über 5.000 qm grüne Wiese zu betonierte. Eine Bürgerbewegung mobilisierte gegen diesen Prunkbau, mit dem sich phantasielose Architekten und Entscheidungsträger ein fragwürdiges Denkmal setzen wollten. Der Plan ging nochmals zurück an den Start. Am Ende wurde es ein mehrgeschoßiges Bauwerk, dass nur ein Viertel grüne Wiese benötigte samt Tiefgarage. Darin fanden einige Wohnungen, Seminarräume, die Musikkapelle und ein kleiner Veranstaltungssaal für alle Platz. Plötzlich bekam man Lust auf mehr! Am Beispiel einiger Schweizer Gemeinden, machte man es Besitzern von baufälligen, unbewohnten Gebäuden schmackhaft, diese zu renovieren und mit Leben zu füllen. Über fünfzig unbewohnte Häuser wurden so sukzessive umgebaut und revitalisiert. Ins alte Gericht zog das Museum und man erhielt zugleich ein feines Kulturzentrum für Kabaretts und Konzerte à la “Bachschmiede” oder “Kunstbox”. In die alte Post zog die Bibliothek kombiniert mit Kinderkrippe und Elternkindzentrum. Und in ein leerstehende Geschäft zog eine Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft. Ein Laden, wo echte lokale Produkte ohne Verpackung, Transportwege, absurde Werbemethoden, und ganz ohne Konzern-Profit-Gier vom Erzeuger direkt zum Verbraucher kommt. Da die Mitglieder freiwillig für “eine Gemüsekiste” sich selbst ins Geschäft stellten, fiel sogar Väterchen Staat um seine Steuern und die Bauern verdienten allemal mehr, als beim Verkauf an Raubtierkonzerne.

 

Und dann kam der ganz große Wurf. Volkswirtschaftler hatten berechnet, wieviel Geld ein privater PKW durchschnittlich im Monat verschlingt. Lassen wir mal den Lärm, den Gestank, die Gefahr für Erwachsene und Kinder beiseite. Neumarkt hatte damals etwa 4.000 Fahrzeuge angemeldet. Multipliziert man diese Zahl mit durchschnittlichen monatlichen Kosten von 600,- Euro (Untergrenze für einen Mittelklassewagen (3) ergibt dies Ausgaben von - tief durchatmen - 2,4 Mio. pro Monat  oder 29 Mio. Euro pro Jahr (!).  Klar, manche brauchten ein Fahrzeug für den Weg zur Arbeit. Doch die Mehrheit stand die meiste Zeit vor der Garage und entwertete sich allein dadurch täglich um gesamt 108.000 Euro (!). Diese Menge hat man heute auf rund die Hälfte reduziert. Und davon fahren die meisten mit Strom, Hybrid oder anderen Alternativen. Um ein Zehntel der Ersparnis erhielt jeder Gemeindebürger Jahreskarten für sämtliche Öffis in ganz Österreich. Man initiierte autofreie Wochenenden, das heißt in den Orten und im Zentrum fuhren keine Autos und Lastwagen mehr. Das zog touristisch dermaßen gut, dass bald der Freitag Nachmittag dazu kam. Und heute wird eigentlich nur mehr unter der Woche vormittags mit Verbrennungsmotoren gestunken - ach ja, und natürlich auf der B1. Dafür sieht man immer mehr E-Bikes, Rikschas, Segways, E-Autos, Skater etc. Neumarkt wurde berühmt als Paradies für Rollerskater, Radfahrer, Walker, Spaziergänger und Naturgenießer generell. 

 

Ganz generell etablierte sich ein Umdenken in den Köpfen der Menschen, weg vom Haben hin zum Sein. Eine neue Generation verstand, dass mehr materieller Reichtum nicht gleich mehr Glück bedeutete, im Gegenteil. Die Abhängigkeit von Fulltime-Jobs, immerwährende Erreichbarkeit, der immerwährende Zwang zum neuesten Produkt galt als dumm, altmodisch, am Leben vorbei. 

 

Es kam zum Paradigmenwechsel vom Besitzen zum Nutzen. Es gilt mittlerweile als cool, nur noch so viel wie nötig und so wenig wie möglich zu haben. Was man nicht hat, braucht keinen Raum, was man nicht hat, kann nicht geklaut werden, was man nicht hat, braucht nicht umzuziehen, was man nicht hat, geht nicht kaputt und kostet nichts. Umgekehrt erhöht sich die Nutzungsdauer jedes Produkts durch seinen sozialen Gebrauch. Statt durchschnittlich 10.000 Dinge im Jahr 2012 hat man heute im Schnitt nur noch 5.000. Der Materialverbrauch hat sich mithin halbiert, die Emissionsmenge ebenfalls. Der Spaß hat sich verdoppelt, die verfügbare Zeit vermehrt. Man verschwendet sich nicht mehr mit Konsumentscheidungen. Das kulturelle Modell heißt Lebenskunst. Das zugehörige Adjektiv: leicht.

Die meisten Leute arbeiten heute weniger. Klar: Weil der Rückgang der Produktion erheblich weniger Arbeitskraft und -zeit erfordert. Anders als im Spätkapitalismus führt Produktivitätsfortschritt heute nicht mehr zum Abbau von Arbeitsplätzen sondern zur Verkürzung der Arbeitszeit. Viele arbeiten nur mehr halbtags, verdienen auch nur mehr die Hälfte, was sich auf den Lebensstandard jedoch kaum auswirkt. Produkte wurden zwar teurer, weil endlich die lange Zeit versteckten Kosten des Umweltverbrauches eingerechnet wurden. Aber dafür sind viele Produkte aus regionaler Produktion und lokalem Anbau erheblich günstiger. Einige Altmodische kaufen zwar noch importierte Luxusartikel, aber das gilt als plump und unelegant.

 

Heimische Produkte gelten als leicht und attraktiv. Dazu kennt man die Leute, die sie herstellen, persönlich, und weiß, unter welchen Bedingungen sie produziert werden. Selbstverständlich gibt es auch noch industriell gefertigte Waren, die sich regional nicht herstellen lassen: Fernseher, Computer, Mobiltelefone, E-Fahrzeuge, Lampen, Leuchtmittel, Waschmaschinen, Bohrhämmer - alles was große Industrie erfordert. Allerdings: Auch hier wird in vielen Bereichen anders produziert, als früher. Cradle to cradle beginnt sich durch zu setzen. Viel mehr Ressourcen verlassen heute den Kreislauf von Produktion - Konsumtion - Return - Produktion nicht mehr. Schrott und Müll sind Kategorien von gestern. Die wirtschaftlichen Aufsteiger sind Repairs und Moduls, die höchst effizient organisierten Reparaturbetriebe und Re-Designer, die Produkte nach Verbrauch in andere konvertieren. Neue Berufe entstanden: Instandhalter, Reparierer, Renovierer, Re-Designer, Provider, Share-Trader. (3)

 

Das alles spiegelt sich auch im Privaten: Weil fast alle mehr Zeit haben, breiteten sich immaterielle Tauschbörsen rasch aus. Jemand renoviert das Wohnzimmer, dafür richtet ihm ein anderer eine Homepage ein; man passt auf Kinder auf und bekommt dafür den Garten gemacht. Auch Regionalwährungen hatten sich durchgesetzt. Sie sind nur in begrenztem Radius gültig und verkürzen auf diese Weise die Wertschöpfungsketten. Geschäfte, die Regionalwährungen akzeptieren, wählen Zulieferer, die sich in derselben Währung bezahlen lassen. Deren Beschäftigte bekommen einen Teil ihres Gehalts ebenfalls in der Regionalwährung ausgezahlt. Nur noch ein Minimum an Waren wird vom globalen Weltmarkt gekauft.

Die Leute nehmen heute öffentliche Angelegenheiten viel stärker wieder als ihre eigenen Angelegenheiten wahr und diskutieren über künftige Strategien der Energieversorgung, der Sozialdienste oder Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs.

Das alles ging auch mit einer Rückeroberung des öffentlichen Raumes einher. Waren Städte früher fast gänzlich durch das Auto und die dazugehörige Infrastruktur gefangen, führte das Zurückgehen des motorisierten Individualverkehrs zu einer Rekultivierung des öffentlichen Raumes. Und als man erstmals wieder gehen, sitzen, die Kinder entspannt laufen und einen Kaffee genießen konnte, wurde alsbald schon umgestaltet. Spielplätze, Bühnen, Parks, Zeltplätze, Lagerfeuer …

Schließlich hat sich auch in erstaunlich kurzer Zeit die Demokratie modernisiert und revitalisiert. Besonders durch die neuen Energieversorgungsmodelle und Mikrogenossenschaften hat sich eine Kultur der Mitsprache entwickelt, die sich erst lokale, dann mehr und mehr auch überregionale Ebenen erreichte. Die Gewinne aus der Energiewirtschaft blieben vor Ort und brachten mehr direkte Gestaltungsmöglichkeiten der wieder erstarkenden Kommunen. Schwimmbäder wurden nicht mehr geschlossen sondern ökologisch saniert; Seniorenwohnheime mit Kindergärten kombiniert. Entlegene Orte durch Fahrdienste angeschlossen …

Auch das politische wurde durch mehr Engagement und direkte Demokratie neu belebt. Am besten angesehen sind in der nachhaltigen Moderne die, die das in jeder Hinsicht leichteste Leben führen und sich am stärksten für das Gemeinwohl einsetzen. Dabei gelten diejenigen mit den verwegensten und scheinbar unmöglichsten Ideen als besonders interessante Menschen. Auch Scheitern ist erlaubt, nur nicht aufgeben. Probieren und experimentieren gilt als sexy. Die Glücksindizes messen für Neumarkt kontinuierlich ansteigende Werte, während der Rest der Welt in einer Mischung aus Bewunderung und Neugier auf uns schaut. (5)

 

 

  • In Österreich beträgt die Zunahme der versiegelten Flächen seit dem Jahr 1995 rund 40 Prozent. Derzeit sind 16 Prozent des Dauersiedlungsraumes österreichweit versiegelt oder bildlich dargestellt verschwinden rund 20 Fußballfelder tagtäglich unter Asphalt- oder Ziegelflächen. 
  • Durchschnittliche Autokosten: Seat Mii Erdgas 340,- /Monat oder 0,27 /km. Mittlerer VW-Golf 600,- oder 0,48 Touareg V8 1.500,-/Monat bzw. € 1,20 pro Kilometer (!) Quelle ADAC 4/2013.
  • Paech, Niko: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in eine Postwachstumsökonomie. München, 2011
  • Der zweite Teil (in kursiv) entstammt mit kleinen Textänderungen aus der Zukunftsvision “Lebenskunst, zwanzig Jahre später” von Harald Welzer, aus seinem Buch “Selbst denken” Eine Anleitung zum Widerstand. S. Fischer, Frankfurt a. Main 2013

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